Warum Interviews im Friseursalon?
Haare und Rassismus stehen in einem besonderen Verhältnis zueinander. Anhand ihrer Haarfarbe, der Haarstruktur, ihrer Kopfbedeckung oder Frisur wird Menschen eine Abstammung oder die Zugehörigkeit zu einer Gruppe zugeschrieben. Oft sind sie auch Ausgangspunkt für abwertende Äußerungen, Diskriminierung bis hin zu Gewalt. Gleichzeitig können Haare und Kopfbedeckungen Ausdruck von Identität, Selbstbewusstsein und Emanzipation sein.
Die hier zusammengestellten Interviews mit antirassistischen Akteur*innen Münchens wurden von Juni bis Oktober 2024 in einem der ältesten Afroshops in München, Afrokings & Ebony Beauty, aufgezeichnet. Im Friseurstuhl lauschen wir den Gesprächen anderer, lernen Menschen außerhalb des eigenen Freundes- und Bekanntenkreises kennen und unterhalten uns nicht selten über Herkunft, Identität, Rassismus und Empowerment.
Themen der Interviews
Stuhl mittig: Demagogie und Alltag
Eine Stadt ohne Rassismus bleibt vorerst eine Utopie. Zu alltäglich sind Diskriminierung und Gewalt, die Schwarze und Menschen mit vermeintlichem oder tatsächlichem Migrationshintergrund erfahren müssen. Als bayerische Landeshauptstadt ist München zudem dafür bekannt, dass rassistische Kampagnen und hetzerische Politik von hier ihren Ausgang nehmen. Dabei werden zugewanderte Bevölkerungsgruppen für Kriminalität, Arbeitslosigkeit und Wohnungsnot verantwortlich gemacht, und Migration wird entgegen allen historischen Fakten als Bedrohung darstellt. Wie entgegnen wir diesem rassistischen Alltag, und was bleibt davon in Erinnerung?
Stuhl links: Anti-Rassismus
Die Münchner*innen zeigten in den vergangenen Jahrzehnten wiederholt, dass sie rechte Gewalt, Neonazis, Rassismus und Antisemitismus in ihrer Stadt nicht gutheißen. Die bisher größte Demonstration dieser Art war die Lichterkette gegen die eskalierende und mörderische rassistische Gewalt Anfang der 1990er Jahre: Unter dem Motto „München – eine Stadt sagt nein“ versammelten sich am 6. Dezember 1992 mehr als 400.000 Menschen und bildeten Menschenketten entlang der Hauptverkehrsstraßen sowie um die Altstadt.
Den bis dato größten Aufmarsch von Neonazis in München stoppten 1997 mehr als 10.000 couragierte Antifaschist*innen. Sie verhinderten so die geplante Abschlusskundgebung am Marienplatz.
Immer wieder demonstrieren Geflüchtete in München für ein Bleiberecht, für würdige Unterbringung und Versorgung. Dabei können sie meist auf große Unterstützung aus der Bevölkerung zählen. Als Höhepunkte dieser Willkommenskultur gelten die Gründung des Wohn- und Kulturzentrums Bellevue di Monaco und das ehrenamtliche Engagement im Sommer der Migration 2015.
2020 löste der gewaltsame Tod von George Floyd in den USA weltweit Proteste unter dem Motto „Black Lives Matter“ aus. Nirgendwo in Deutschland nahmen mehr Menschen daran teil als in München (laut Polizeiangaben 25.000). Bis zu 300.000 Menschen protestierten Ende 2023 und Anfang 2024 gegen die Pläne rechtsradikaler und rechtskonservativer Kreise, im großen Umfang Migrant*innen und Deutsche mit Migrationshintergrund auszuweisen.
Was haben diese großen antirassistischen und antifaschistischen Mobilisierungen bewirkt? Wie bewerten wir sie aus der Gegenwart? Und wie kann eine Stadt ohne Rassismus Realität werden?
Stuhl rechts: Gewalt und Erinnerung
In keiner anderen Stadt Deutschlands sind nach 1945 so viele Menschen durch rassistische, antisemitische und rechtsterroristische Anschläge getötet worden wie in München. Die Aufarbeitung war von vielen Ermittlungslücken und falschen Vorannahmen geprägt. Schnell setzten Verdrängung und Vergessen ein. In manchen Fällen wird erst seit wenigen Jahren öffentlich an die Opfer und die menschenverachtenden Hintergründe der Anschläge erinnert.
Angehörige und Unterstützer*innen mussten diese Erinnerung erkämpfen. Bis heute halten verschiedene Initiativen sie aktiv und fordern gesellschaftspolitische Konsequenzen. Damit stören sie das Bild vom weltoffenen, sicheren und friedlichen Millionendorf, das seine NS-Vergangenheit im Sinne eines „Nie wieder“ schonungslos aufgearbeitet hat.
Die Interviewten
Sema Poyraz: Geboren 1950 in Zonguldak, Schauspielerin, Regisseurin und Gründerin des Türkischen Frauenvereins in München 1971
Siegfried Benker: Geboren 1957 in Erlangen, Ehrenbürger Münchens und Vorstand von BEFORE – Beratungsstelle bei Diskriminierung, Rassismus und rechter Gewalt
Tahir Della: Geboren 1962 in München, Vorstand und Sprecher der Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland und aktiv im Berliner Bündnis Decolonize Berlin, neue deutsche organisationen und glokal e.V.
Bülent Kullukcu: Geboren 1971 im Landkreis Dachau, Regisseur, Künstler, Musiker und Kurator
Lena Gorelik: Geboren 1981 in Leningrad/Sankt Petersburg, preisgekrönte Schriftstellerin und Journalistin
Simon Pearce: Geboren 1981 in München, Schauspieler, Synchronsprecher und Comedian
Betiel Berhe: Geboren 1982, Autorin, Ökonomin und Trainerin
Pinay Colada aka Jay Miniano: Geboren 1986 in Muntinlupa, Metro Manila, Philippinen, Dragqueen, Make-up-Artist, Hair-& Wigstylist
Pia Amofa-Antwi: Geboren 1995 in München, Schauspielerin, Synchronsprecherin, Moderatorin und Autorin