Susn Kohl
München ist auf Schotter gebaut. Das ist eine stabile Sache. Wer hier
mit dem Spaten in den Boden sticht, trifft nach 15 cm auf Kies – tonk!
Wenn morgen die gesamte Menschheit ausstürbe, der Fernsehturm
stände noch 1500 Jahre. Was hier steht, steht lange. Es ändert sich nur
ungerne etwas. Kein Sandgrund wie unter Berlin lässt Provisorisches
oder gar Halbgares zu. Jeder Ort in München ist in fester Hand. Die Könige
haben es ersonnen, gar nicht lange her, schön und wie aus einem
Guss. Es rummeln von überallher die Steinreichen und die, die es werden
wollen. Nicht ohne Grund, denn hier gibt’s Kies. Eine Lücke ist
nicht vorgesehen. Die Kunst braucht diese Lücke lebensnotwendig,
um zu wachsen. Eskalierende Kosten sprengen heute hier und da einen
Zwischenraum hinein ins Stadtgefüge, zum Glück. Als Künstlerin
habe ich meinen Beruf aufgegeben, um zu überleben. Als Überlebende
werde ich zur Künstlerin – so wie die Isar, die gottgleich mit den Steinchen
spielt, an ihrem glitzernden Saum.
Susn Susanne Kohl