Judith Neunhäuserer

In München habe ich studiert, in München leben meine besten Freund*innen von der Kunstakademie. Wir fahren immer wieder fort und kehren jedes Mal nach München zurück.

Wenige Tage bevor der Brief ankommt, ob ich meinen Atelierraum für weitere fünf Jahre nutzen darf, ist mir bange. Der Atelierraum ist städtisch gefördert und kostet einen Bruchteil der Gewerbefläche von Amazon nebenan. Ich erhalte schon zum zweiten Mal die Atelierförderung der Stadt München (einen monatlichen Zuschuss zu den Mietkosten für drei Jahre) und war auch im bayerischen Atelierförderprogramm.

Ich zahle die Steuern ans Finanzamt München und hatte beim Einbürgerungstest die volle Punktezahl erreicht. Die deutsche Staatsangehörigkeit wurde mir trotzdem verweigert, weil ich als freischaffende bildende Künstlerin Solo-Selbstständige in Finanzamtterminologie die Einkommensgrenze unterschritt.

Nach der Pandemie bin ich nach Mailand gezogen und zwei Jahre lang geblieben. Dort gibt es für Kunstschaffende keine finanzielle Unterstützung von öffentlicher Seite, der Markt dominiert das Kunstfeld und die großen Institutionen sind in der Hand von Firmen (Pirelli, Prada). Ich ging weg aus München, nachdem ich in so gut wie allen städtischen Kunsträumen ausgestellt hatte.

Im Münchner Offspace-Sektor tut sich nicht so viel neues, die Kulturförderung fördert auch eine kleine Bequemlichkeit und Gegenkultur ist nicht nötig. Im Unterschied dazu ist die kollektive Energie, aus der Notwendigkeit geboren, in der italienischen Kunstszene stark. In Mailand stieg ich schnell in eine selbstorganisiserte Studiogemeinschaft ein. 

Alle italienischen Künstler*innen, die ich kennen lernte, sind mehr im Atelier als am Schreibtisch. Meine deutschen Bekannten schreiben ständig Bewerbungen.

Die Mieten sind in Mailand und München gleich hoch. In Mailand wohnte ich in einer „Zweck-WG“ unter meinen Ansprüchen, in München wohne ich formidabel, aber illegal.

Von Anfang an fehlt mir Lebendigkeit und Abwechslung im Straßenbild Münchens, die historische Patina an den Gebäuden. Tags täten den Wänden gut. In Mailand wuchs mein Gespür für Gestaltung und Design. Im Kalender der Stadt ist nicht das Oktoberfest, sondern der Salone del mobile im Zentrum. Was hier die BMW Group bedeutet, wird dort durch Emporio Armani verkörpert und der Futurismus steht als kunstgeschichtliche Referenz dem Blauen Reiter gegenüber.

Die Mailänder Galeriekunst, ob zeitgenössisch oder präsentiert in legendären Sammleranwesen (Villa Panza, Casa Boschi di Stefano ecc.) ist durchwegs formal präzise, Eleganz auch in der Kunst, Produkt eben. Ich habe die deutsche Sprache, den Kunstdiskurs und diskursive Kunst sehr vermisst.

Für ein Kunst am Bau Projekt bin ich zurück nach München gezogen. Ich bin Vereinsmitglied im Bund Bildender Künstler:innen und war zum Wettbewerb vorgeschlagen worden. Ich habe ihn gewonnen; meine italienischen Kolleg:innen beneiden mich um die Chance. In Italien gibt es das Berufsbild des Künstlers nicht (und das der Künstlerin tendenziell noch weniger) und dementsprechend keine Berufsorganisation wie den BBK.

München ist nahe an meinem Herkunftsort in Südtirol, wo meine Eltern und meine Galerie sind und wo man meinen Dialekt spricht. Fast einmal monatlich fahr ich dorthin, um die Berge zu sehen. Manchmal radele ich im Englischen Garten an der Schafherde vorbei und bin zufrieden mit dem, was mir München bietet. Ich schätze den Kompromiss von Stadt und Dorf, den ich hier leben kann.